Genealogietourismus

Als im Jahr 2000 die Encyclopedia of Tourism erschien, war selbst diesem Standardwerk im internationalen Tourismus der Begriff „genealogical tourism“ nicht bekannt. Der Begriff wurde weder aufgeführt noch wurde er sonst wo in dem jährlich im Springerverlag erscheinenden über 1000 Seiten umfassenden Werk erwähnt. Derzeit existiert im deutschsprachigen Raum keine einheitliche Definition und selbst in der englischsprachigen Literatur benützen Autoren unterschiedliche Bezeichnungen für dasselbe Phänomen oder begrenzen sich auf ein Teilsegment der möglichen genealogischen Tourismusaktivitäten.1 In der englischsprachigen Literatur findet man vereinzelt unbestimmte Synonyme wie „roots tourism“2, „legacy tourism“3, „ancestral tourism“4, „lineage tourism“5 oder schlussendlich der Begriff, welcher letztlich viel benutzt wurde und am besten die Bandbreite dieses Phänomens „genealogical tourism“6 reflektiert.

Die Professorin Carla Santos von der Universität Illinois (Department of Recreation, Sport and Tourism) beschreibt Genealogietouristen als ein „schnell wachsendes Segment von Freizeit-reisenden.“ Diese suchen nicht nach Erholung, Strände oder Shopping, sondern nach ihren eigenen Geschichten.7 Santos und Yan gingen aber noch weiter und machten bei ihren phenomenologischen Untersuchungen intrinsische Motive aus, die erlebte Erfahrungen während der Genealogiereise mit sich bringen. 8 Bei ihren Untersuchungen wurden insgesamt 27 Genealogiereisende zwischen 30 Minuten und 1 ½ Stunden interviewt.

Die folgenden zwei Beispiele sollen zeigen, wie sich die Aussagen zum Teil unterscheiden und wie sich diese auch von herkömmlichen Touristen abgrenzen:

To relax?! Ha! If there‘s a vote for the most stressful and time-consuming thing in the world, I would choose genealogy. It‘s stressful and expensive to travel to this places. Of course, you find fun things to do during the trips … go out for dinner, check out local shops, visit museums … but, they‘re side things, not the reason why you come here.“9

Das ist für touristische Betriebe natürlich ein völliges Neuland. Da haben wir einen Gast der sich überhaupt nicht für Ruhe und Erholung interessiert, den die Souvenirs, die es in den Geschäften zu kaufen gibt, nicht wirklich was gibt und der selbst den Museumsbesuch für eine Nebensache betrachtet. Dieser Gast hat ein ganz anderes Bedürfnis.

Ein weiterer Reisender in der Bibliothek antworte wie folgt:

See I don‘t need to bother with those bis statements. All I want to know is the time my German great grandfather came to Virginia, how he made a living as a coal miner, how he meet my great grandmother, and when they got married. How on earth I came to this world. That‘s all I care about. That‘s what it is … it‘s a great way to travel and also learn about my family. But I don‘t belong more, or know myself better because I came here and got this information … It‘s not about me, it‘s about my family.“10

Hier finden wir in den Ausführungen zu dem Statement „how on earth I came to this world“, dass dieses eine Suche der persönlichen Grenzen indiziert. Denn es lokalisiert einen Prozess der Selbstentdeckung. Es zeigt auch, dass die Erfahrung im Genealogietourismus etwas ist wie man Fleisch auf die Knochen des Stammbaumes durch Forschung bringt. (Anm.: Gemeint ist die Forschung in den Archiven.) Es ist also die Herstellung einer Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und eine deutlichere Vorstellung von früheren Ereignissen und Personen. Das ist das Fundament der genealogischen Reiseerfahrung sowie der Selbst-Identifikation.

Marta Gergelyova hat in ihrer Masterarbeit am Galway-Mayo Institute of Technology auch Feldstudien bei genealogischen und touristischen Leistungsträgern durchgeführt und kam bei der Frage des Rückgangs der Ankünfte in Irland neben anderen Faktoren wie der Ereignisse vom 11.09.2001, der hohen Kosten in Irland und der zunehmenden Digitalisierung aber noch zu einem anderen Ergebnis:

Regarding the genealogical research on the Internet, as most of the interviewedstakeholders (and genealogy researchers) confirmed, not everything is readily available online. Furthermore, genealogical research usually does not finish by finding the data. There is a strong desire among genealogy researchers to visit the ancestral place as a follow-up to their investigation.“11

Der Autor kann sich diesem Ergebnis durchaus anschließen, da er selbst regelmäßig Genealogiereisen unternimmt und seine Ergebnisse der genealogischen Forschung überprüft. Wirft man einen Blick auf die ersten Kampagnen in Irland, fällt auf, dass diesem Umstand in der Vermarktung viel zu wenig Rechnung getragen wurde. So wurden hauptsächlich die Einrichtungen beworben um in Irland seine Forschungen durchzuführen, die eigentliche Krönung – der Besuch der Orte, also das Erlebnis zu den Forschungen wurde nicht in den Mittelpunkt der Marketingmaßnahmen gerückt. Dies ist aber genau das Interessante, wenn man von einer transdisziplinären Kooperation von Stakeholdern aus unterschiedlichen Branchen ausgeht.

Transdisziplin

Die österreichische Akademie der Wissenschaften teilt uns zur Transdiziplin auf ihrer Homepage Folgendes mit:

Transdisziplinarität gehört heute zum guten Ton in der Wissenschaftspolitik. Aber was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Eine einheitliche oder allgemein überzeugende Definition gibt es nicht, da das Verständnis von der theoretischen Perspektive abhängt.

In der Praxis haben sich drei Sichtweisen bewährt, die je nach Problemstellung kombiniert werden können: die Forschung wird nicht nur interdisziplinär, sondern Disziplinen überschreitend betrieben, sie bezieht auch Nicht-WissenschafterInnen in den Forschungsprozess ein und sie geht von alltagsnahen Problemstellungen aus.“12

Die Autoren des Standardswerks für die Gestaltung inter- und transdisziplinärer Projekte beschreiben die Transdiziplinarität als Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Praxis wie folgt:

Diese Position geht davon aus, dass Forschung, die zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen will, nicht nur interdsziplinär sein sollte, sondern darüber hinaus Anwenderinnen und Anweder einbeziehen sollte. Anwenderinnen und Anwender sind diejenigen Personenkreise, die mit diesen Problemen konfrontiert sind und die Forschungsergebnisse in der Praxis umsetzen sollen. Eine interdisziplinäre Kooperation, an der Anwenderinnen und Anwender substantiell beteiligt sind, überschreitet die Grenzen des Wissenschaftssystems und wird deshalb transdisziplinär genannt.“ 13

Als Beispiel einer solchen transdiziplinären Zusammenarbeit kann auf das Ende 2017 in Salzburg präsentierte Projekt: „Barocke Küche – Gerichte mit Geschichte im SalzburgerLand“ hingewiesen werden. Dabei haben das Kuratorium Kulinarisches Erbe Österreich, das Zentrum für Gastrosophie der Universität Salzburg, die SalzburgerLand Tourismus GmbH und 6 Spitzenköche aus den Salzburger Seenland nach der Transkription barocker Rezepte die Interpretationen zu den barocken Rezepten präsentiert.14

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Dr.-Ing. E.h. Jürgen Mittelstraß von der Universität Konstanz bringt den „Eintritt der Wissenschaften in Reallabore, das heißt in neue institutionalisierte Formen der Forschung in einem gesellschaftlichen Kontext bzw. unter gesellschaftlicher Mitwirkung und mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Wirkung“ im Geleitwort in dem von Rico Defila · Antonietta Di Giulio im Springer Verlag herausgegeben Werk Transdisziplinär und transformativ forschen – Eine Methodensammlung wie folgt auf den Punkt:

Aus der alten Vorstellung eines (eindimensionalen) Wissens- oder Technologietransfers von der Wissenschaft in die Gesellschaft, mit einer klaren Ordnung, was die Relevanz von Wissen und die Definitionsmacht über die Dringlichkeit von Problemen betrifft, wird hier ein interaktives, partizipatives Konzept. Wissenschaft verlässt ihre eingespielten Formen der Wissensbildung und wird auf eine neue Weise weltlich. Ob sich aus dem interaktiven, partizipativen Konzept auch eine Methode ableiten lässt, die nicht nur Formen der forschenden Gemeinsamkeit von Wissenschaft und Gesellschaft beschreibt, sondern die Wissensbildung selbst betrifft und die insofern auch als wissenschaftliche Methode bezeichnet werden kann, ist eine offene Frage, die heute vor allem unter dem Stichwort ‚Transdisziplinarität‘, abgesetzt von den üblichen Formen der Fachlichkeit und der Disziplinarität, diskutiert wird.“15

Für unsere Zwecke kann die Frage ob wir hier von einer Methode sprechen können ausgeblendet werden. Entscheidend ist ob wir durch transdisziplinäre Zusammenarbeit den Genealogietourismus fördern und den Touristen und den relevanten Stakeholdern einen Service bieten können, die dazu führen, den bisher ignorierten Motivatoren der Erlebnisse und Erfahrungen im Rahmen von Genealogiereisen zu entsprechen. Es geht vielmehr darum die divergierenden Interessen und Tätigkeiten der Akteure auf ein gemeinsames Ziel zu lenken und ein darauf abgestimmtes maßgeschneidertes Angebot zu erarbeiten, das aus Kundensicht so wahrgenommen wird, als wäre es aus einem Guss.16

Bevor jedoch auf die transdisziplänäre Kooperation im Genealogietourismus für die deutsche Diaspora eingegangen werden kann, ist es erforderlich, dass einerseits die rechtlichen Rahmenbedingungen, sowie Markt und Wettbewerb einer zumindest überblicksmäßigen Betrachtung unterzogen werden. Wie aus der Wettbewerbsanalyse in Kapitel 3 ersichtlich wird, befinden sich ernstzunehmende Mitbewerber überwiegend in den USA, wo einerseits eine ganz andere Reglementierung als in Österreich und Deutschland vorhanden ist und andererseits durch die Dienstleistungsfreiheit der Europäischen Union Marktteilnehmer einen Zugang erhalten, die hierzulande diesen nicht hätten. Als Beispiel sei hier nur die Reglementierung in der Reisebüro-branche, sowie im Fremdenführergewerbe erwähnt.

Zusammenfassung

Der Genealogietourismus ist eine nicht ganz neue Erscheinung tritt aber aus Sicht des Autors auch aufgrund der zunehmenden demographischen Veränderung heute vermehrt in Erscheinung. Wurden in den Anfängen dieses Phänomens von Pionieren wie Irland und Schottland hauptsächlich auf Forschungsreisen gesetzt17, so werden jetzt auch andere Bedürfnisse sichtbar. Die besprochenen Arbeiten zeigen, dass anhand der Reisemotive jedoch nicht nur die Forschungen in den Archiven Bestandteil eines genealogietouristischen Konzepts sein sollten, sondern auch die intrinsischen Motive der Reisenden angesprochen und bedient werden müssen, wenn man diesen speziellen Touristen gerecht werden will.

Die Arbeiten zu transdisziplinären Projekten bringen einiges an Potential, aber auch Probleme mit sich die in disziplinärer Zusammenarbeit oder bei interdisziplinären Kooperationen – wo nebeneinander aber unabhängig voneinander – zusammengearbeitet wird. Durch die Zusammenarbeit im transdisziplinären Umfeld kommen unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen Kompetenzen und auch Zugängen zusammen. Wie sich an dem Projekt in Salzburg gezeigt hat, können daraus durchaus interessante Angebote auch in der Gastronomie erarbeitet werden. Im Genealogietourismus kommt neben der Transdisziplinarität auch die Transnationalität hinzu. Die heutigen Grenzen sind andere als sie es zum Zeitpunkt einer Auswanderung oder Vertreibung gewesen sind und die Wanderungsbewegungen sind oftmals nicht nur durch nationale Gebiete erfolgt sondern zum Teil auch durch die Kontinente In Summe kommen entsprechend dem Arbeitsthema vier Querschnitte zusammen, die jeder für sich allein genommen schon Besonderheiten aufweist. Der Tourismus an sich ist schon von unterschiedlichen Disziplinien besetzt und hatte durch die zunehmende Spezialisierung schon im der eigenen Spektrum mit transdisziplinären Sachverhalten zu tun.

Die Familienforschung erlebt ihrerseits mit der zunehmenden Digitalisierung auch einen Wandel. Einerseits werden immer mehr Quellen online verfügbar und viele private Familienforscher wollen viel lieber selbst forschen als professionelle Genealogen zu beauftragen. Man tauscht sich in sozialen Netzwerken oder über Mailinglisten aus, gibt gegenseitig kostenlos Lesehilfe und teilt die eigenen Forschungsergebnisse mit anderen. Hinzu kommen noch die Bereiche der Transdisziplinarität und der Transnationalität. Diese Bereiche zusammen in ein Konzept zu gießen ist keine leichte Herausforderung, aber es ist eine sehr lohnende Herausforderung. Der Genealogietourismus ist nicht nur eine sehr nachhaltige Form des Tourismus, sondern auch eine die gerade im Hinblick auf die Migrationsbewegungen der letzten Jahre auch zur Bewusstseinsbildung und zur Völkerverständigung beitragen kann. Last but not Least ist der Genealogietourismus überall durchführbar. Die Reisenden besuchen keinen See, sondern ihre eigene Geschichte.

1 Rafal T. Prinke, Rodziny, Spring 2010, The Journal of the Polish Genealogical Society of America, Genealogical Tourism – An Overlooked Niche, S 17; Original in polnischer Sprache in Turystyka kulurowa, czasopismo internetowe No. 6/2009, ISSN 1689 – 4642
2 Basu, P., 2004, Route Metaphors of Roots-Tourism in the scottish Dispora in S. Coleman, S., Eade, J. (Ed.), Reframing Pilgrimage: Cultures in Motion, Routledge, London, S. 153-178.
3 McCain, G., Ray, N. M., 2003, Legacy tourism: the search for personal meaning in heritage travel, Tourism Management 24, S 713-717
4 Fowler, S., 2003, Ancestral tourism, Insights, March: D31-D36
5 Chee Beng Tan et al., 2001, Tourism, anthropology and China: In memory of Professor Wang Zhusheng, White Lotus Press, Banglamung, Thailand.
6 Nash, C., 2002, Genealogical identities, Environment and Planning D: Society and Space 20, S. 27-52; Birtwistle, M., 2005, Genealogical tourism: The Scottisch market opportunities in Novelli, M. (Ed.), Niche tourism. Contemporary issues, trends and cases, Elsevier, Oxford, S 59-72; Santos, C. A., Yan, G., Genealogical tourism. A phenomenological examination, Journal of Travel Research, 2010, 49:56, Onlinepublikation am 24.02.2009, DOI: DOI: 10.1177/0047287509332308, http://jtr.sagepub.com/content/49/1/56 zuletzt abgerufen am 14.08.2018
7 https://www.familytreemagazine.com/premium/genealogy-insider-genealogy-tourism/ (zuletzt aufgerufen am 14.08.2018)
8 Santos, C. A., Yan, G., Genealogical tourism. A phenomenological examination, Journal of Travel Research, 2010, S 60
9 Ebd. S 62
10 Ebd. S 61
11 Marta Gergelyova, An Investigation of the Potential of Genealogy Tourism as a Catalyst for Regional Development in County Galway, Heritage Studies, Galway-Mayo Institute o f Technology at Galway, 2006, S 81
12 https://www.oeaw.ac.at/ita/themen/transdisziplinaritaet/ zuletzt aufgerufen am 17.08.2018
13 Rico Defila, Antonietta Di Giulio, Michael Scheuermann, Forschungsverbundmanagement, Handbuch für die Gestaltung inter- und transdisziplinärer Projekte, vfd Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2006, ISBN 978-3-7281-3042-6
14 https://www.tourismuspresse.at/presseaussendung/TPT_20171120_TPT0008/barocke-kueche-gerichte-mit-geschichte-im-salzburgerland-bild zuletzt aufgerufen am 17.08.2018
15 Rico Defila, Antonietta Di Giulio (Hrsg.), Transdisziplinär und transformativ forschen – Eine Methodensammlung, Springer Fachmedien Wiesbaden, 2018, ISBN 978-3-658-21529-3
16 Näheres dazu in Kapitel 5
17 Das ist auch aktuell noch der Fall, wenn man die Veröffentlichungen der Tourismusverbände betrachtet.
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